Drake Milligan gehört zu den spannendsten Vertretern einer neuen Generation von Countrymusikern, die traditionelle Klänge mit einer modernen Bühnenshow verbinden. An der Country Night Gstaad sprach der Texaner mit THE STAGE über das zurückhaltende Schweizer Publikum, sein grosses Vorbild Elvis Presley und sein aktuelles Album «Tumbleweed».
Das Interview findet dort statt, wo Drake Milligan derzeit einen beträchtlichen Teil seines Lebens verbringt: im Tourbus. Drei Wochen lang reist er damit durch Europa. Das Unterwegssein scheint dem 28-Jährigen nichts auszumachen. Im Gegenteil: Er schlafe im Tourbus oft besser als zu Hause, erzählt er. Nach ein oder zwei ruhigen Wochen daheim werde er bereits wieder unruhig und freue sich darauf, zurück auf die Strasse zu gehen.

Marco Ritzmann (Fotograf, rechts) und Thomas Hobi (Autor) treffen Drake Milligan im Tourbus zum Interview.
Die Schweiz als Konzertland ist für Milligan nicht neu, in Gstaad stand er aber erstmals auf der Bühne. Weil die Künstler an der Country Night an zwei Abenden auftreten, wollte er sein zweites Konzert nicht einfach wiederholen. Einige Songs wurden ausgetauscht, andere Momente neu gestaltet. Auch an das Schweizer Publikum musste sich der Musiker zunächst gewöhnen.
🎧 Audio: «Am Schluss gab es grossen Applaus»
«Es ist nicht wie in unseren üblichen Honky-Tonks in Texas, wo die Leute die ganze Zeit ausgelassen sind. Hier sind alle sehr höflich. Da fragt man sich zwischendurch schon: Mache ich meine Sache überhaupt gut? Doch am Schluss gab es grossen Applaus. Also war alles gut.»
Milligans Musik ist deutlich in der Tradition des klassischen Country verwurzelt. Zu seinen Einflüssen gehören unter anderem George Strait, Merle Haggard und Marty Robbins. Eine ganz besondere Rolle spielt jedoch Elvis Presley. Bereits als Jugendlicher verkörperte Milligan den jungen Elvis in der Fernsehserie «Sun Records». Was ihn bis heute an Presley fasziniert, ist nicht allein dessen Stimme oder Musik. Es ist die Fähigkeit, ein Lied auf der Bühne nicht nur zu singen, sondern seine Geschichte und seine Gefühle für das Publikum sichtbar zu machen.
🎧 Audio: Elvis sang die Songs nicht nur
«Seit meiner Kindheit war Elvis für mich der erste wirkliche Entertainer, den ich erlebt habe. Zum ersten Mal sah ich jemanden, der sein Publikum wirklich erreichte und nicht einfach nur Songs sang. Er drückte die Lieder aus. Er liess einen die Songs fühlen und zeigte sie einem, statt sie bloss vorzusingen.»
Dass er wegen seiner Stimme, seines Aussehens und seiner Bühnenpräsenz immer wieder mit Elvis verglichen wird, stört Milligan nicht. Entscheidend sei, unterschiedliche Einflüsse aufzunehmen und daraus etwas Eigenes zu entwickeln. Und er fügt mit einem Lächeln hinzu: «Es gibt Schlimmeres, als mit Elvis verglichen zu werden.» Mit «Tumbleweed» veröffentlichte Milligan im November 2025 sein zweites Album. Die 14 Songs verbinden traditionellen Texas-Country, Western Swing und Einflüsse aus dem heutigen Nashville.
Produziert wurde das Album erneut von Trent Willmon. Der Titel passt zu einem Musiker, der einen grossen Teil des Jahres unterwegs ist und auf Bühnen rund um die Welt steht. Einige Stücke begleiten Milligan allerdings schon wesentlich länger. «Slow Dancing To A Fast Song» schrieb er kurz nach seinem Umzug nach Nashville – beinahe zehn Jahre vor der Veröffentlichung des Albums. Auf Konzerten gehörte der Song längst zum Programm, aufgenommen wurde er aber erst für «Tumbleweed».
🎧 Audio: Alte Songs und neue Einflüsse
«Einige dieser Songs schrieb ich, als ich gerade nach Nashville gezogen war. Sie schafften es damals nicht auf mein erstes Album ‹Dallas/Fort Worth›. ‹Slow Dancing To A Fast Song› schrieb ich beispielsweise vor fast zehn Jahren. Seither spielen wir das Lied auf Tour, aufgenommen haben wir es aber erst für ‹Tumbleweed›. Ausserdem konnte ich Einflüsse von Marty Robbins sowie aus der Countrymusik der 1950er- und 1960er-Jahre stärker ausloten.»
Einen wichtigen Schub erhielt Milligans Karriere 2022 durch «America’s Got Talent», wo er den dritten Platz erreichte. Er war darauf vorbereitet: Sein Debütalbum «Dallas/Fort Worth» war bereits fertig und erschien kurz nach der Sendung. So konnte er die weltweite Aufmerksamkeit nutzen, auf Tour gehen und sich Schritt für Schritt eine eigene Fangemeinde aufbauen.
In Gstaad freute sich Milligan nicht nur über seine eigenen Auftritte. Nach seinem Konzert konnte er Dwight Yoakam zuhören, mit dem er bereits früher auf der Bühne gestanden hatte. Für einen Musiker, der an den meisten Wochenenden selbst unterwegs ist, sei es etwas Besonderes, auch einmal eine Show eines anderen Künstlers sehen zu können. Von der Country Night Gstaad hatte Drake Milligan schon seit Jahren gehört. Musikerfreunde hätten ihm immer wieder vom Festival vorgeschwärmt. Nun war er erstmals selbst dabei. Bleibt zu hoffen, dass seine Gstaad-Premiere nicht sein letzter Auftritt in der Schweiz gewesen ist.









