Die Appalachian Road Show brachte an der Country Night Gstaad die Geschichten und Klänge der amerikanischen Bergwelt auf die Bühne. Im Gespräch mit THE STAGE erklärt Sänger und Banjospieler Barry Abernathy, weshalb diese Musik für ihn mehr als Bluegrass ist und warum man sich auf die Band mit offenem Herzen einlassen sollte.
Zwischen dem aufstrebenden Country-Entertainer Drake Milligan und der amerikanischen Country-Legende Dwight Yoakam nahm die Appalachian Road Show an der Country Night Gstaad eine besondere Rolle ein. Keine elektrische Verstärkungsschlacht, keine grosse Inszenierung: fünf Musiker, akustische Instrumente, eindringliche Stimmen – und Geschichten aus einer Welt, die weit entfernt scheint und dennoch erstaunlich vertraut wirkt. Im Zentrum der Band steht Barry Abernathy. Der Musiker aus dem Norden des US-Bundesstaates Georgia spielt Banjo, singt und führt mit viel trockenem Humor durch das Programm. Nach dem ersten Konzertabend zeigte er sich beeindruckt vom Schweizer Publikum.
«Vielleicht verstanden sie wenigstens unseren Gesang»
Für die Appalachian Road Show war es der erste Auftritt in Gstaad. Ganz unbekannt war die Schweiz für Abernathy allerdings nicht. Bereits mit seiner früheren Band Mountain Heart hatte er einmal in Zürich gespielt.
🎧 Audio: Barry Abernathy über den ersten Abend in Gstaad
«Es war unglaublich, wirklich absolut unglaublich. Mit Mountain Heart haben wir früher einmal in Zürich gespielt. Aber mit dieser Band ist es etwas Besonderes, gemeinsam mit diesen Musikern und Partnern auf der Bühne zu stehen. Es ist grossartig, hier zu sein. Auch das Publikum war fantastisch. Ich bin mir nicht sicher, ob die Leute verstanden haben, was ich erzählt habe – aber vielleicht haben sie wenigstens unseren Gesang verstanden.»
Die Musik der Appalachian Road Show braucht tatsächlich nicht immer eine Übersetzung. Mehrstimmiger Gesang, Banjo, Fiddle, Mandoline, Gitarre und Bass schaffen einen unmittelbaren Zugang zu den Geschichten der Band.
Bluegrass als Teil des eigenen Lebens
Die Appalachian Road Show wurde 2018 gegründet. Ihr musikalischer Ausgangspunkt ist die Kultur der Appalachen, jener Bergregion im Osten der USA, die sich über mehrere Bundesstaaten erstreckt. Die Band greift traditionelle Stücke auf, schreibt eigene Songs und verbindet Bluegrass mit Old-Time Music, Gospel, Country und Folk.
Für Abernathy ist diese Stilrichtung keine bewusste Abgrenzung von moderner Country- oder Popmusik. Es ist schlicht die Musik, mit der die Mitglieder der Band aufgewachsen sind.
🎧 Audio: Warum die Band Bluegrass spielt
«Das ist die Musik, mit der wir aufgewachsen sind: alter Bluegrass, natürliche akustische Musik. Diese Musiker sind allesamt ausserordentlich versiert. Sie können die unterschiedlichsten Musikrichtungen spielen und tun das auch. Aber gemeinsam verfolgen wir mit dieser Band ein bestimmtes Ziel und eine gemeinsame Vision. Es ist die Musik, die wir lieben und in unseren Herzen tragen. Ich glaube, genau deshalb erreicht die Band die Menschen.»
Die Musiker bringen dabei unterschiedliche Erfahrungen ein. Mandolinist Darrell Webb stammt aus einer Familie, deren Geschichte eng mit dem Kohlebergbau verbunden ist. Fiddler Jim VanCleve wuchs in North Carolina auf und lernte von alten Geigern, von denen viele heute nicht mehr leben. Gitarrist Zeb Snyder wiederum spielte bereits in jungen Jahren mit bekannten Musikern der Region. Aus diesen persönlichen Geschichten entsteht das musikalische Gesamtbild der Appalachian Road Show.
Nicht Folklore, sondern gelebte Herkunft
Die Appalachen bilden den roten Faden durch das Repertoire. Die Songs erzählen von Bergarbeitern und Eisenbahnen, von Kirchen und Familien, von Glauben, Entbehrung, Verlust und Widerstandskraft. Dabei geht es nicht um nostalgische Folklore. Viele Geschichten berühren unmittelbar die Familien der Musiker. Diese Glaubwürdigkeit ist Barry Abernathy besonders wichtig. Die Band wolle weder Menschen aus einer vergangenen Epoche kopieren noch eine fremde Kultur nachspielen.
🎧 Audio: «Wir imitieren niemanden»
«Es ist echt. Wir imitieren niemanden. Wir sind nicht Menschen von irgendwoher, die versuchen, Leute aus den Appalachen nachzuahmen. Und wir versuchen auch nicht, genauso zu klingen wie die Menschen in den 1920er-Jahren. Wir wollen den Geist, die Seele und das Herz dieser Musik einfangen. Wir geben sie so weiter, wie sie uns überliefert wurde – durch jene Menschen, von denen wir gelernt haben.»
Abernathy selbst nennt den Gesang in den Kirchen seiner Heimat als wichtigen Einfluss. Dort lernte er nicht nur bestimmte Harmonien und Tenorstimmen kennen, sondern vor allem die emotionale Kraft, mit der Musik vorgetragen werden kann.
Ein Banjospieler, der seinen eigenen Weg fand
Auch Abernathys persönliche Geschichte ist aussergewöhnlich. Er wurde mit einer Fehlbildung der linken Hand geboren und besitzt an seiner Greifhand nur einen voll entwickelten Finger. Ausgerechnet mit dieser Hand werden auf dem Banjo die Saiten auf dem Griffbrett gegriffen. Abernathy entwickelte deshalb eine eigene Technik. Trotz dieser körperlichen Voraussetzung wurde er zu einem der angesehensten Banjospieler des modernen Bluegrass. Er spielte unter anderem bei Doyle Lawson & Quicksilver und IIIrd Tyme Out und gehörte zu den Gründungsmitgliedern der erfolgreichen Band Mountain Heart. Seine Leistung stellt er selbst kaum in den Vordergrund. Lieber spricht er über seine Mitmusiker, die gemeinsamen Wurzeln und die künstlerische Freiheit. Berühmt zu werden, sei nie das eigentliche Ziel gewesen. Entscheidend sei, als Künstler glaubwürdig zu bleiben, von der eigenen Musik leben und damit für die Familie sorgen zu können.
«So sanft wie Schweizer Butter»
Die Position im Gstaader Programm zwischen Drake Milligan und Dwight Yoakam empfand Abernathy nicht als Bürde. Der erste Auftritt sei, wie er lachend erklärte, «smooth as butter» verlaufen – um gleich noch nachzuschieben: «Smooth as Swiss butter.» Natürlich könne man die akustische Musik seiner Band kaum mit der Lautstärke und Energie von Dwight Yoakams elektrischer Countryshow vergleichen. Genau darin lag aber auch der Reiz des Abends: Die Appalachian Road Show musste nicht versuchen, ihre musikalischen Nachbarn zu übertrumpfen. Sie setzte bewusst einen Kontrast. Eine Stunde Spielzeit reichte allerdings kaum aus, um die ganze Geschichte der Band zu erzählen.
🎧 Audio: Mehr als einfach ein Konzert
«Wir behalten wahrscheinlich den gleichen Rahmen bei, denn unsere Show folgt einer kleinen Geschichte und vermittelt unsere Mission. Wir haben viele grossartige Songs, die jeder auf seine eigene Weise wirken. Aber dafür bleibt uns nicht genügend Zeit. Eine Stunde reicht für diese Band nicht. Eine Stunde reicht nicht, um die ganze Geschichte zu erzählen. Wer wirklich verstehen will, was die Appalachian Road Show ist, muss sie als Gesamterlebnis erfahren.»
Genau das war der Auftritt in Gstaad: kein Bluegrass-Konzert, das lediglich eine Reihe möglichst virtuoser Stücke präsentierte. Vielmehr öffnete die Appalachian Road Show für eine Stunde ein Fenster in ihre Heimat. Wer sich darauf einliess, hörte nicht nur schnelle Banjoläufe, feine Fiddle-Melodien und kraftvollen Harmoniegesang. Er begegnete einer Region, ihren Menschen und ihren Geschichten – erzählt von Musikern, die diese Welt nicht nachahmen müssen, weil sie selbst ein Teil davon sind.










