Brandon Flowers kennt man als Frontmann von The Killers, als Mann hinter grossen Hymnen, Synthesizern und Stadionmomenten. Auf seinem neuen Soloalbum «Thrasher» lässt er vieles davon hinter sich. Statt Las Vegas wartet Nashville, statt New Wave gibt es Pedal Steel und Mundharmonika. Und überraschenderweise fühlt sich dieser Ausflug in die Countrymusik weniger nach Seitenwechsel als nach Heimkehr an.
Elf Jahre sind vergangen, seit Brandon Flowers mit «The Desired Effect» sein letztes Soloalbum veröffentlicht hat. Nun ist er zurück. Und zwar an einem Ort, an dem man den Sänger von «Mr. Brightside», «Human» oder «When You Were Young» vielleicht nicht unbedingt erwartet hätte. «Thrasher» ist ein Countryalbum. Nicht eines jener Alben, bei denen ein Rockmusiker ein bisschen Pedal Steel über seine Songs legt und anschliessend das Etikett Americana daraufklebt. Flowers meint es ernst. Er ging nach Nashville, nahm im historischen RCA Studio A auf und holte sich Musiker ins Studio, deren Biografien tief in der amerikanischen Musikgeschichte verwurzelt sind. David Rawlings spielt Gitarre, Bruce Bouton Pedal Steel und mit Charlie McCoy ist sogar einer der legendären Musiker der Nashville-Geschichte dabei. Der 85-jährige Mundharmonikaspieler war unter anderem auf allen vier von Bob Dylans legendären Nashville-Alben zu hören.
Von Las Vegas zurück nach Utah
So überraschend dieser Schritt zunächst wirkt, so logisch wird er, wenn man Flowers‘ Geschichte kennt. Einen wichtigen Teil seiner Kindheit verbrachte er im kleinen Ort Nephi in Utah. Und lange bevor New Order und später The Killers in sein Leben kamen, hörte er die Countrymusik seines Vaters Terry: Johnny Cash, Waylon Jennings, Merle Haggard oder John Conlee. Als Teenager glaubte Flowers allerdings, sich entscheiden zu müssen. Wer New Order hört, hört nicht gleichzeitig Waylon Jennings. Heute sieht er das anders.
«As I get older, I just seem to gravitate back to my father’s music.»
«Je älter ich werde, desto mehr zieht es mich wieder zur Musik meines Vaters zurück.»
Dass sein Vater das neue Album offenbar ebenfalls als eine Art musikalische Heimkehr empfindet, zeigt dessen bemerkenswert knappe Reaktion, nachdem Flowers ihm «Thrasher» vorgespielt hatte: «Finally.» «Endlich.» Mehr brauchte es offenbar nicht.
Warum heisst das Album «Thrasher»?
Auch der Albumtitel führt direkt zurück zu Flowers‘ Vater. Als Brandon ungefähr elf Jahre alt war, wurde er in der Schule schikaniert. Sein Vater Terry war mit Prügeleien aufgewachsen und wollte seinem Sohn deshalb beibringen, wie man sich verteidigt. Flowers erinnert sich noch heute daran, wie die beiden im alten 1946er Chevy seines Vaters sassen und Terry ihm erklärte, dass man bei einer Schlägerei nicht einfach wild drauflosschlägt. Man müsse überlegen, wann man zuschlägt – und sich gleichzeitig schützen. Nur gab es ein Problem.
«You can explain to me all day, but I’m not a fighter.»
«Du kannst es mir den ganzen Tag erklären, aber ich bin einfach kein Kämpfer.»
Jahrzehnte später steckt diese Erinnerung im Titel «Thrasher». Und sie erzählt gleichzeitig viel über das Album. Denn hinter der Geschichte über einen Jungen, der nicht kämpfen wollte, steckt die Beziehung zwischen Vater und Sohn und vielleicht sogar etwas von Flowers‘ Karriere. Er erzählt heute, dass er selbst auf der Bühne manchmal noch das Gefühl habe, seinem Vater zeigen zu wollen, dass er es kann. Plötzlich ist «Thrasher» nicht mehr einfach nur der Titel eines Countryalbums. Er wird zum Schlüssel für eine Platte über Herkunft, Familie und die Frage, was von unserer Kindheit bleibt.
Zehn Songs, viele Erinnerungen
Schon der Opener «Does It Ever Cross Your Mind?» zeigt, wohin die Reise geht. Flowers verbindet klassischen Country mit jener grossen, manchmal beinahe pathetischen Erzählweise, die auch The Killers immer ausgezeichnet hat. Nur braucht es diesmal keine Synthesizerwände dafür. Pedal Steel, akustische Gitarren und Mundharmonika schaffen Platz für die Geschichten. Mit «Tiger’s Blood» blickt Flowers auf Nostalgie, Verlust und das Älterwerden. Das kleine Nephi in Utah und die Menschen seiner Kindheit werden dabei immer wieder zum Ausgangspunkt seiner Geschichten. Vielleicht liegt genau darin der entscheidende Unterschied zu seinen Songs mit The Killers. Flowers sagt selbst:
«These songs don’t feel like Killers songs. They’re quite personal.»
«Diese Songs fühlen sich nicht wie Killers-Songs an. Sie sind ziemlich persönlich.»
Deshalb sei es für ihn auch selbstverständlich gewesen, daraus ein Soloalbum zu machen.
Was wäre gewesen, wenn?
Besonders schön funktioniert dieses Prinzip bei «Paradise». Flowers stellt darin eine der grossen Fragen seines Albums: Was wäre eigentlich aus mir geworden, wenn diese unglaubliche Musikkarriere nie passiert wäre? Seine Antwort ist überraschend bodenständig: Valet Parker. Autos vor Hotels und Casinos parkieren. So wie Verwandte von ihm in Las Vegas. Flowers erzählt, dass genau das einmal sein Plan B gewesen sei. Die Inspiration zum Song kam schliesslich von seinem Cousin Bobby, der sein gesamtes Erwachsenenleben als Valet Parker gearbeitet hat und Flowers eines Tages Nachrichten über seinen Arbeitsalltag schickte. Flowers sass gerade am Klavier. Aus den Nachrichten wurde die Geschichte eines älter werdenden Valet Parkers und gleichzeitig eine alternative Biografie von Brandon Flowers. Er sagt über «Paradise»:
«It’s where I would be right now if I didn’t have this incredible thing happen to me.»
«Dort wäre ich wahrscheinlich heute, wenn mir nicht diese unglaubliche Sache passiert wäre.»
Darin liegt viel Dankbarkeit, aber auch Melancholie. Flowers interessiert sich nicht nur dafür, was aus ihm geworden ist. Ihn beschäftigt zunehmend, was aus den Menschen geworden ist, die damals neben ihm standen. Und genau das kann Countrymusik besonders gut.
Kein Kostüm-Country
Die vielleicht grösste Stärke von «Thrasher» ist deshalb seine Glaubwürdigkeit. Flowers spielt hier nicht Cowboy. Natürlich gibt es die bekannten Zutaten: Pedal Steel, Mundharmonika, Geschichten aus amerikanischen Kleinstädten und Bilder von Freiheit, Schicksal und verpassten Möglichkeiten. Doch dahinter steckt eine persönliche Verbindung. Flowers hat diese Musik nicht erst in Nashville entdeckt. Sie lief bereits in seiner Kindheit. Heute blickt er anders auf diese Zeit zurück. Utah habe er früher beinahe versteckt, während er gleichzeitig stolz die Fahne für Las Vegas hochhielt. Mittlerweile könne er beides annehmen. Über seine Kindheit sagt Flowers heute:
«I look back with more tenderness now.»
«Heute blicke ich mit mehr Zärtlichkeit darauf zurück.»
Trauer bekommt einen Song
Besonders persönlich wird «Thrasher» auf «One of Us». Der Song ist Flowers‘ verstorbenem Schwager gewidmet. Seine Schwester ist 17 Jahre älter als er, entsprechend gehörte ihr Mann schon zu Flowers‘ Leben, als dieser selbst noch ein kleiner Junge war. Für ihn sei er wie ein Bruder gewesen. Sein Schwager starb völlig unerwartet, kurz nachdem er sich einer Herzoperation unterzogen hatte. Flowers beschreibt den Verlust als herzzerreissend. Mit «One of Us» wollte er diesem Menschen ein musikalisches Denkmal setzen und auch seine Schwester liebt den Song. Damit wird «Thrasher» endgültig mehr als ein Genreexperiment. Es ist ein Erinnerungsalbum.
Wo Flowers Flowers bleibt
Trotz Cowboyboots und Nashville-Musikern wird aus Brandon Flowers natürlich nicht plötzlich Waylon Jennings. Und das ist gut so. Seine Vorliebe für grosse Melodien, Pathos und amerikanische Mythologie ist weiterhin deutlich hörbar. Manchmal schrammt das Album deshalb gefährlich nahe am Kitsch vorbei. Flowers erzählt nicht beiläufig. Wenn er Gefühle transportiert, dann sollen sie auch in der letzten Reihe ankommen. Nicht jede Geschichte funktioniert dabei gleich gut. Vor allem «Angel» dürfte Diskussionen auslösen. Flowers erzählt darin die Geschichte eines talentierten schwarzen Baseballspielers und bewegt sich dabei auf schwierigem Terrain rund um Hautfarbe und gesellschaftliche Zuschreibungen. Auch «Miss America», das aus der Perspektive einer jungen Frau in einer missbräuchlichen Beziehung erzählt wird, zeigt die Grenzen von Flowers‘ erzählerischem Ansatz. Hier will «Thrasher» teilweise mehr, als Flowers als Geschichtenerzähler überzeugend einlösen kann. Musikalisch bleibt das Niveau dagegen bemerkenswert hoch.
Nashville steht ihm
Vielleicht ist genau das die grösste Überraschung von «Thrasher»: Diese Musik passt zu seiner Stimme. Flowers musste gar nicht zum Countrysänger werden. Er musste nur aufhören, seine Herkunft von seiner bisherigen musikalischen Identität zu trennen. Gerade Bruce Boutons Pedal Steel und Charlie McCoys Mundharmonika geben den Songs eine Wärme, die man auf vielen hochglanzpolierten Nashville-Produktionen inzwischen vergeblich sucht. Flowers schwärmt entsprechend von McCoy, der mit Bob Dylan, Roy Orbison, Leonard Cohen und zahlreichen anderen Grössen gearbeitet hat. Über ihn sagt Flowers schlicht:
«He’s the mascot of Nashville and so incredible.»
«Er ist so etwas wie das Maskottchen Nashvilles und einfach unglaublich.»
Mit «The Red Ground» öffnet Flowers die Tür schliesslich noch weiter in Richtung Westernkino. Mariachi-Bläser und sonnenverbrannte Gitarren prägen den Song. Flowers selbst nennt dabei eine ganz konkrete Inspiration: «I was trying for a Lee Hazlewood vibe.» «Ich wollte einen Lee-Hazlewood-Vibe hinbekommen.» Das passt: Hazlewoods eigenwillige Verbindung von Country, Pop und Western-Atmosphäre ist in «The Red Ground» durchaus zu spüren. Und «An American Dream» beschliesst das Album mit einem ganzen Kaleidoskop amerikanischer Bilder – von Flowers‘ verstorbener Mutter über seinen alternden Vater bis hin zu einer surrealen Begegnung mit Elvis in einem Tesla.
THE STAGE meint
«Thrasher» ist kein perfektes Album. Einige Geschichten wollen etwas zu viel und einzelne Texte bewegen sich auf schwierigem Terrain. Und wer auf den nächsten «Mr. Brightside» wartet, wird ihn hier definitiv nicht finden. Aber vielleicht ist gerade das der Punkt. Brandon Flowers muss niemandem mehr beweisen, dass er Hits schreiben kann. Mit The Killers hat er längst Songs geschaffen, die ganze Stadien mitsingen. Auf «Thrasher» macht er etwas anderes. Er blickt zurück. Nach Utah. Zu seinem Vater. Zu seiner Familie. Zu den Menschen seiner Jugend. Zu Johnny Cash, Waylon Jennings und Merle Haggard. Und zu einer amerikanischen Musikwelt, die offenbar schon lange in ihm steckt. Flowers beschreibt die Arbeit an diesem Album selbst als eine Art Offenbarung. Plötzlich habe es einen Platz für all die Erinnerungen, Figuren und die Traurigkeit gegeben, die er mit sich herumgetragen habe. Vielleicht ist genau das «Thrasher». Nicht Brandon Flowers, der versucht, Country zu spielen, sondern Brandon Flowers, der mit 45 Jahren musikalisch an einen Ort zurückkehrt, den er als Teenager glaubte verlassen zu müssen. Und selten hat Heimkommen so gut geklungen.
THE STAGE Wertung: 8 von 10
Unsere Anspieltipps
«Does It Ever Cross Your Mind?»
«Tiger’s Blood»
«Paradise»
«The Red Ground»
«An American Dream»
Brandon Flowers live
Im Herbst bringt Flowers «Thrasher» auf die Bühne. Und auch dabei soll es bewusst persönlicher werden als bei einem Konzert von The Killers. Flowers will die kleineren Säle nutzen, um zwischen den Songs mehr über deren Geschichten zu erzählen; etwas, das in einem Stadion kaum möglich ist. Die Solotour führt im September und Oktober durch Nordamerika, Grossbritannien und Irland. Unter anderem stehen der 9:30 Club in Washington, die Brooklyn Paramount, die Royal Albert Hall in London und Rock City in Nottingham auf dem Programm. Ein Konzert in der Schweiz oder im deutschsprachigen Raum ist bislang nicht angekündigt. Vielleicht müsste ihn einfach jemand einladen …
Photo Credit: Chris Phelps









