Zwei Stunden lang hart, laut und mit einer Energie, die kaum nachliess: Stephen Wilson Jr. begeisterte am vergangenen Donnerstag (29. Oktober 2026) das nahezu ausverkaufte Volkshaus in Zürich. Ein Abend, der zeigte, weshalb dieser aussergewöhnliche Musiker immer mehr Menschen erreicht.
Eigentlich mag ich keine endlosen Gitarrensoli. Irgendwann ist für mich meistens alles gesagt, beziehungsweise gespielt. Doch dann kommt Stephen Wilson Jr., verlässt die Bühne, spielt mitten im Publikum weiter und taucht sogar auf der Empore des Volkshauses auf. Rund zehn Minuten dauert dieser Ausflug. Und ich denke keine Sekunde daran, dass er jetzt langsam fertig werden könnte.
Diese Szene steht für einen Konzertabend, an dem Wilson selbst einen bekennenden Skeptiker ausgedehnter Saitenakrobatik restlos überzeugt. Der Mann spielt mit einer Hingabe, der man sich nur schwer entziehen kann. Auf der Bühne ist er ständig in Bewegung. Er springt, hüpft von links nach rechts und wieder zurück, beugt sich über seine Gitarre und schaut mit strengem, konzentriertem Blick ins Publikum. Dann huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Diese Wechsel gehören zum Reiz seiner Show: Wilson wirkt völlig in seiner Musik versunken und sucht gleichzeitig immer wieder den Kontakt zum Saal. Mehrmals erwähnt er Zürich und bedankt sich beim Publikum. Er und seine Band sind an diesem Abend ausgezeichnet aufgelegt.
Wer Stephen Wilson Jr. bisher vor allem unter Country eingeordnet hat, bekommt im Volkshaus einiges zugemutet – im besten Sinn. Der Sound ist hart und laut, seine Musik reicht weit in den Rock und Grunge hinein. Auch die für Zürich dokumentierte Setlist mit Songs wie «Billy», «Cuckoo», «Father’s Søn» und dem Nirvana-Cover «Something in the Way» zeigt, wie selbstverständlich er sich zwischen diesen Welten bewegt.
Aber wer ist dieser Mann, der das Volkshaus inzwischen fast bis auf den letzten Platz füllt? Sein Weg auf die Bühne führte über einige Umwege. Aufgewachsen im Süden des US-Bundesstaats Indiana, war Wilson erfolgreicher Amateurboxer, spielte Gitarre in einer Indierockband und arbeitete als Wissenschaftler. Nach einem Mikrobiologiestudium war er beim Lebensmittelkonzern Mars in der Forschung und Entwicklung tätig. Die Musik wurde schliesslich zum Beruf: 2016 unterschrieb er einen Songwritervertrag bei BMG Nashville und schrieb unter anderem für Tim McGraw und Old Dominion.
Eine zentrale Figur in dieser Geschichte ist sein Vater. Er ermutigte ihn, die sichere Stelle aufzugeben und sich auf die Musik einzulassen. Nach dessen Tod 2018 wurde die Beziehung zwischen Vater und Sohn zu einem wichtigen Thema seines Schaffens. Sein 2023 veröffentlichtes Debüt-Doppelalbum «søn of dad» umfasst 22 Songs und erschien am fünften Todestag des Vaters. Herkunft, Familie und Verlust bilden damit einen sehr persönlichen Hintergrund für Wilsons Musik.
Dass seine Konzerte derzeit auch andernorts einen starken Eindruck hinterlassen, zeigen Berichte von der laufenden Tour. «Entertainment Focus» beschreibt nach dem Auftritt in London die rastlose Bühnenpräsenz und das Zusammenspiel von Country-Tradition und Grunge. «All Music Magazine» hebt in Manchester besonders die emotionale Wirkung seiner Stimme und seiner persönlichen Songs hervor. Den Ausflug auf den Balkon erlebten übrigens auch die britischen Fans: Er gehört offenbar zu den besonderen Momenten dieser Tour. Zu wissen, dass Wilson diesen Gang durchs Publikum auch andernorts unternimmt, schmälert das Erlebnis in Zürich kein bisschen. Hier funktioniert er grossartig. Die Nähe zum Musiker, sein konzentriertes Spiel und die Energie der Band tragen diesen langen Moment.
Jade Bird: Ein Auftakt mit ansteckendem Lachen
Schon vor Stephen Wilson Jr. sorgte Jade Bird für einen gelungenen Auftakt. Die britische Singer-Songwriterin kam beim Zürcher Publikum gut an und gewann mit ihrer lockeren Art zusätzliche Sympathien. Besonders ansteckend waren ihre herzhaften, lauten Lacher, wenn sie zwischen den Songs etwas Lustiges erzählte und dabei selber losprusten musste. Diese unbeschwerten Momente machten ihren Auftritt persönlich und nahbar. Ein Support, dem man gerne zuhörte – auch zwischen den Songs.
Nach zwei Stunden bleibt die Begeisterung über einen Künstler, der auf seine ganz eigene Art überzeugt. Seine Bewegungen, sein Blick, seine Stimme und sein Gitarrenspiel ergeben eine Show, die man erlebt haben muss. Wer an diesem Donnerstag im Volkshaus war, hat einen aussergewöhnlichen Abend mitgenommen. Wer gefehlt hat, hat etwas verpasst. Für mich war es das beste Konzert dieses Jahres. Punkt.












