Sonntag, September 6 2026

Auf ihrer letzten grossen Europatournee machte Emmylou Harris am Dienstagabend, 1. September 2026 im Theater 11 in Zürich Halt. Begleitet von den Red Dirt Boys blickte die 79-Jährige mit 25 Songs auf mehr als fünf Jahrzehnte Musikgeschichte zurück. Es wurde kein wehmütiger Abgesang, sondern eine liebevolle Hommage an grosse Songs, prägende Weggefährten und verstorbene Freunde.

Manchmal genügt ein einziger Satz, um den besonderen Charakter eines Konzertabends auf den Punkt zu bringen. «We still have Willie», sagte Emmylou Harris im Theater 11 in Zürich. Wir haben Willie Nelson noch. Harris hatte zuvor von jenen Musikerinnen und Musikern gesprochen, die ihren Weg begleitet und ihr Repertoire geprägt haben. Viele von ihnen sind nicht mehr da. Merle Haggard starb 2016, Townes Van Zandt bereits 1997. Willie Nelson dagegen steht auch mit 93 Jahren noch auf der Bühne. Harris’ kurzer Satz klang deshalb dankbar und gleichzeitig nachdenklich. Danach sang sie «Pancho & Lefty», jene rätselhafte Ballade über einen mexikanischen Banditen und seinen zweifelhaften Freund, die Townes Van Zandt geschrieben hatte. Harris nahm den Song bereits 1976 für ihr Album «Luxury Liner» auf. Weltberühmt wurde er einige Jahre später durch das gemeinsame Album von Willie Nelson und Merle Haggard. Die beiden machten «Pancho and Lefty» 1983 zu einem Nummer-eins-Hit der amerikanischen Country-Charts. Solche Verbindungen zogen sich durch den gesamten Abend. Harris präsentierte nicht einfach eine Sammlung ihrer bekanntesten Stücke. Sie erzählte mit den Liedern die Geschichte ihrer musikalischen Herkunft und würdigte immer wieder die Menschen hinter den Songs.

Eine Stimme und fünf Musiker

Den Abend eröffnete Emmylou Harris allein mit der akustischen Gitarre und Jesse Winchesters «My Songbird». Erst im Laufe des Songs kamen die fünf Musiker ihrer Band nach und nach auf die Bühne: Phil Madeira an Piano, Akkordeon und Gitarre, Eamon McLoughlin an Mandoline und Fiddle, Chris Donohue am Bass, Bryan Owings am Schlagzeug und Kevin Key an der E-Gitarre. Key ist der Neue in der Band. Als die Abschiedstournee im Januar in Europa begann, spielte er in Dublin erst sein zweites Konzert mit Emmylou Harris. Inzwischen ist er hörbar in das fein abgestimmte Zusammenspiel der Red Dirt Boys hineingewachsen. Die Band begleitete Harris zurückhaltend, wenn die Geschichten im Vordergrund standen, und entwickelte bei Bluegrass- und Country-Rock-Nummern erstaunlich viel Kraft. Das zeigte sich etwa bei «Luxury Liner», dem von Gram Parsons geschriebenen Titelsong ihres Albums von 1977, oder beim Bluegrass-Stück «Get Up John». Dessen Geschichte ist komplizierter, als ein einzelner Autorenname vermuten lässt. Das Lied geht auf Bill Monroe zurück, der es 1953 mit seinen Blue Grass Boys aufnahm. Die von Harris später gesungene Fassung wird neben Monroe auch Marty Stuart und Jerry Sullivan zugeschrieben. In Zürich hob Harris besonders Stuarts Anteil am Text hervor. Mit «Green Pastures», «Bright Morning Stars» und «Get Up John» erinnerte sie zugleich daran, wie wichtig Gospel, Folk und Bluegrass für ihre Musik stets gewesen sind. Emmylou Harris nur als Countrysängerin zu bezeichnen, würde ihrem Werk kaum gerecht.

Playlist des Konzerts in Zürich
Setlist des Konzertes vom 1. September 2026 in Zürich

Von Merle Haggard bis Jesse James

Auch Merle Haggard erhielt seinen Platz in dieser musikalischen Zeitreise. Von ihm sang Harris «Kern River», das Titelstück seines Albums von 1985. Es gehört zu den zahlreichen Songs anderer Autorinnen und Autoren, die Harris mit ihrer unverwechselbaren Stimme zu einem Teil ihres eigenen Repertoires gemacht hat. Über einen weiteren Umweg führte der Abend zu Jesse James. «Help Him, Jesus» stammt aus Paul Kennerleys 1980 veröffentlichtem Konzeptalbum «The Legend of Jesse James», das die Geschichte des berüchtigten Outlaws erzählt. Die ursprüngliche Gesangsstimme bei diesem Stück gehörte Johnny Cash. Geschrieben wurde der Song jedoch von Kennerley, der von 1985 bis 1993 mit Emmylou Harris verheiratet war. Direkt danach folgte mit «Born to Run» eine weitere Kennerley-Komposition. Harris machte an diesem Abend hörbar, was sie seit Jahrzehnten auszeichnet: Sie besitzt nicht nur eine besondere Stimme, sondern auch ein aussergewöhnliches Gespür für gute Songs. «Making Believe» von Jimmy Work, «Hello Stranger» aus dem Repertoire der Carter Family, Nanci Griffiths «Gulf Coast Highway» oder Gillian Welchs «Orphan Girl» wirkten bei ihr nie wie beliebige Coverversionen. Bei «Orphan Girl» war Harris sogar schneller als die Autorin selbst. Ihre Aufnahme erschien 1995 auf dem wegweisenden Album «Wrecking Ball». Gillian Welch veröffentlichte ihre eigene Version erst ein Jahr später auf ihrem Debütalbum «Revival».

Lieder über Vater und Mutter

Zwischen all den Hommagen an andere Songwriter standen auch einige der wichtigsten eigenen Kompositionen von Emmylou Harris auf dem Programm. Dazu gehörten «Here I Am», «Red Dirt Girl» und «Bang the Drum Slowly». Letzteres schrieb Harris zusammen mit Guy Clark über ihren 1993 verstorbenen Vater Walter Harris. Das Lied gehört zu ihren persönlichsten Arbeiten. Ihr Vater war Pilot beim US Marine Corps. Während des Koreakriegs wurde sein Flugzeug abgeschossen. Er galt lange als vermisst und war in nordkoreanischer Kriegsgefangenschaft. Seine Familie wusste während dieser Zeit nicht, ob er noch lebte. Harris hat später erzählt, wie schwer es ihr gefallen sei, über den Tod ihres Vaters zu schreiben. Guy Clark, der ihn persönlich gekannt hatte, half ihr dabei, Erinnerungen und Gefühle in ein Lied zu verwandeln. «Bang the Drum Slowly» ist deshalb nicht bloss ein Song über den Tod, sondern auch über all das, was zwischen einem Vater und seiner Tochter unausgesprochen geblieben ist. Auch «Together Again» verband Harris in Zürich mit ihren Eltern. Der Song wurde 1964 von Buck Owens geschrieben und hat ursprünglich nichts mit der Familie Harris zu tun. Emmylou Harris widmete ihn an diesem Abend jedoch ihren Eltern und erinnerte an deren lange, ungewisse Trennung während des Koreakriegs. Ihre Aufnahme von «Together Again» war 1976 einer ihrer frühen Nummer-eins-Hits.

Der Schatten von Gram Parsons

Keine musikalische Rückschau von Emmylou Harris wäre vollständig ohne Gram Parsons. Die Zusammenarbeit mit ihm zu Beginn der 1970er-Jahre veränderte ihr Leben und ihre musikalische Laufbahn. Harris hat wiederholt betont, dass Parsons ihr den Zugang zur Countrymusik eröffnete. Als er 1973 im Alter von nur 26 Jahren starb, verlor sie ihren wichtigsten musikalischen Weggefährten. In Zürich erinnerte sie mit «Wheels» und «Luxury Liner» an ihn. Einen weiteren emotionalen Höhepunkt bildete «Boulder to Birmingham», das Harris gemeinsam mit Bill Danoff geschrieben hatte. Das Lied erschien 1975 auf ihrem Album «Pieces of the Sky» und verarbeitet den Schmerz nach Parsons’ Tod. Der Titel besitzt noch eine zweite, gerne übersehene Bedeutung: Emmylou Harris wurde in Birmingham im US-Bundesstaat Alabama geboren. Mit dem englischen Birmingham hat der Song dagegen nichts zu tun.

Abschied von Dolly Parton

Gegen Ende des Zürcher Konzerts wurde aus der musikalischen Zeitreise ein sehr aktueller Moment des Abschieds. Emmylou Harris erinnerte an Dolly Parton, die am 25. August 2026 im Alter von 80 Jahren gestorben war. Harris, Parton und Linda Ronstadt hatten sich bereits in den 1970er-Jahren vorgenommen, gemeinsam ein Album aufzunehmen. Wirklichkeit wurde das Projekt 1987 mit «Trio». Das Album wurde ein grosser kommerzieller Erfolg und gewann einen Grammy. 1999 folgte «Trio II». Die drei Sängerinnen waren keine Band im herkömmlichen Sinn, sondern ein aussergewöhnliches Vokaltrio, dessen individuelle Stimmen sich zu einem unverwechselbaren gemeinsamen Klang verbanden. «When We’re Gone, Long Gone», geschrieben von Kieran Kane und Jamie O’Hara von den O’Kanes, erschien auf «Trio II». In Zürich wurde das Lied zur stillen Erinnerung an Dolly Parton und zugleich zu einer Reflexion über Verlust, Freundschaft und das, was von einem Menschen bleibt. Nach diesem berührenden Abschluss erhob sich das Publikum im Theater 11 zu einer Standing Ovation. Emmylou Harris und ihre Red Dirt Boys kehrten danach noch einmal auf die Bühne zurück. Als Zugabe sang sie «Save the Last Dance for Me», den 1960 durch die Drifters bekannt gewordenen Klassiker von Doc Pomus und Mort Shuman. Es war ein passender Schlusspunkt. Nach 25 Liedern, rund 100 Konzertminuten und einer Reise durch mehr als ein halbes Jahrhundert Musikgeschichte bat Emmylou Harris ihr Publikum sinngemäss um den letzten Tanz. Ihre Abschiedstournee bedeutet allerdings nicht, dass sie ganz aufhört. Harris hat erklärt, künftig nicht mehr durch Europa touren zu wollen, weil die langen Reisen zunehmend anstrengend seien. In den USA will sie weiterhin auftreten und Musik machen. So war dieser Abend weniger ein Abschied von der Musik als ein persönlicher Dank an Europa. An die Menschen, die Emmylou Harris begleitet haben, an die Songs, die sie geprägt hat, und an eine Stimme, die auch nach mehr als fünf Jahrzehnten noch immer Geschichten erzählen kann.

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Dolly Parton ist tot: Die Countrywelt verliert ihre grösste Ikone

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Autor

Thomas Hobi

führt gerne Interviews und moderiert die Sendung Country Rocks.

Fotograf

Marco Ritzmann

fotografiert und filmt leidenschaftlich gerne und gut.

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