Donnerstag, September 10 2026

Seit seinem 16. Lebensjahr steht Addison Johnson auf Bühnen. Rund 15 Jahre später scheint sich die Hartnäckigkeit des unabhängigen Countrymusikers immer stärker auszuzahlen. Auf seiner ersten ausgedehnten Europatour machte der Mann aus North Carolina auch im Dublin Cliff in Chur Halt. Im Gespräch mit THE STAGE erzählt er von Konzerten ohne Setlist, Freundschaften in Europa, dem schwierigen Geschäft mit der Musik und davon, warum Aufgeben für ihn nie wirklich eine Option war.

Für Addison Johnson ist Europa längst mehr als ein ferner Punkt auf der Tourkarte. Zwar war der Singer-Songwriter bereits zuvor in der Schweiz und in Liechtenstein zu Gast. Doch 2026 ist etwas anders: Zum ersten Mal ist er für eine längere, richtige Tour auf dem Kontinent unterwegs. Und das verändert die Erfahrung. Früher, erzählt Johnson lachend, sei er jeweils beinahe schon wieder nach Hause geflogen, bevor er überhaupt seinen Jetlag überwunden hatte. Diesmal blieb Zeit, sich einzulassen: auf unterschiedliche Länder und Kulturen, auf das Essen, auf die Menschen und natürlich auf die Konzerte.

🎧 Audio: Europa wird ein Stück Heimat

«Ich habe inzwischen Freunde hier in der Schweiz, mit denen ich das ganze Jahr über Instagram Kontakt habe, wenn ich wieder in den USA bin. Es ist etwas Besonderes, Freunde auf der ganzen Welt zu haben und Fans, die wissen wollen, was ich mache und welche neue Musik kommt.»

Die Schweiz ist damit für Johnson nicht mehr einfach ein weiteres Land auf einer langen Tournee. Er spricht von Freundschaften, die auch dann bestehen bleiben, wenn zwischen ihm und seinen Schweizer Bekannten wieder Tausende Kilometer liegen.

Keine Setlist, sondern eine «Suggestion List»

Diese Nähe zum Publikum zeigt sich auch auf der Bühne. Wer Addison Johnson mehrmals live sieht, bekommt nicht zwangsläufig zweimal dasselbe Konzert geboten. Eine klassische Setlist benutzt er nämlich gar nicht. Johnson hat stattdessen eine «Suggestion List», eine Liste seiner Songs, aus der er während des Konzerts auswählt. Manche Zuschauer reagieren stärker auf ruhige Balladen, andere wollen Honky Tonk. Johnson versucht herauszufinden, was an diesem Abend funktioniert und steuert entsprechend nach.

🎧 Audio: Eine Achterbahnfahrt der Gefühle

«Ich habe eigentlich nie eine Setlist auf der Bühne. Ich habe etwas, das ich eine Vorschlagsliste nenne. Dann entscheide ich spontan, was dem Publikum gefallen könnte, und versuche, die Leute auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle mitzunehmen. Sie sollen lachen, vielleicht auch einmal weinen und tanzen wollen.»

Das klingt spontan, ist aber keineswegs beliebig. Johnson hat über die Jahre gelernt, sein Publikum zu lesen. Und er hat noch etwas gelernt: Die Reaktion während eines Konzerts verrät längst nicht alles. Manchmal verlässt er eine Bühne mit dem Gefühl, einen lediglich guten Abend gespielt zu haben, und danach erzählt ihm jemand, dass ausgerechnet ein bestimmter Song etwas ganz Persönliches ausgelöst habe. Deshalb sucht Johnson nach seinen Konzerten bewusst das Gespräch mit den Menschen. Diese Begegnungen beeinflussen wiederum seine nächsten Shows. Beim Songwriting dagegen zieht er eine klare Grenze: Er schreibt nicht mit der Frage im Kopf, was seinem Publikum gefallen könnte. Ein Song entsteht, weil er ihn schreiben will. Und wenn die Leute ihn nicht mögen, spielt er ihn möglicherweise trotzdem, nur auf ein T-Shirt schafft er es dann vielleicht nicht.

Zwischen Verschwörungstheorien und dem «Money Business»

Dass Johnson genau hinschaut, zeigt auch sein aktuelles Album «The State I’m In». Das zwölf Songs umfassende Werk ist am 26. Juni 2026 erschienen und verbindet seinen traditionellen Country zunehmend mit Rock- und Blues-Einflüssen. In «The Conspiracy Song» nimmt Johnson beispielsweise die Flut von Verschwörungstheorien aufs Korn. Er beobachtet bei Konzerten immer wieder, wie Leute lachend auf Freunde zeigen, weil sie in ihnen den notorischen Verschwörungstheoretiker aus dem Song wiedererkennen. «Money Business» hat dagegen einen ernsteren Hintergrund. Der Song handelt vom Leben unabhängiger Musiker, einem Geschäft, das nach der Pandemie nicht einfacher geworden ist. Johnson sieht das ausdrücklich nicht als rein amerikanisches Problem. Künstler, Veranstalter, Clubs und Fans versuchten vielerorts noch immer, sich in einer veränderten Livebranche zurechtzufinden. Auch in einem Interview zur Veröffentlichung von «The State I’m In» bezeichnete Johnson das Musikgeschäft vor allem als ein Geschäft mit Menschen: Ohne Veranstalter gebe es keine Bühnen und ohne Fans niemanden, für den man spielen könne. Und genau an diesem Punkt wird das Gespräch mit Johnson persönlich.

🎧 Audio: Wollen oder müssen

«Es gibt zwei Arten von Menschen in diesem Geschäft: jene, die es machen wollen, und jene, die es machen müssen. Denjenigen, die es machen müssen, den Musikern fürs Leben, ist es egal, ob sie in der Grand Ole Opry oder an einer Strassenecke spielen. Sie werden einen Weg finden, Musik zu machen und ihre Botschaft nach draussen zu tragen.»

Johnson zählt sich ohne Zögern zur zweiten Gruppe. Musik sei für ihn nicht einfach etwas, das er machen möchte. Sie sei etwas, das er machen müsse. Selbst wenn er wollte, könnte er diesen Drang nicht einfach abstellen. Das klingt zunächst nach romantischem Musikerpathos. Wenn Johnson danach allerdings erzählt, was hinter seiner Karriere steckt, bekommt die Aussage ein anderes Gewicht.

Schlafen im Van und mehr als 100 Konzerte pro Jahr

Johnson spricht von fünf Jahren, in denen er besonders hart gearbeitet habe. Mehr als 100 Shows pro Jahr, unzählige Kilometer, Hotels, Nächte im Van und viel Zeit fern von zu Hause. In diesem Jahr führte ihn seine Tour laut seinen Aussagen durch 27 US-Bundesstaaten und acht Länder. Sein offizieller Tourplan bestätigt die ungewöhnlich intensive Reisetätigkeit. Allein die Europatour 2026 führte ihn unter anderem in die Schweiz, nach Deutschland und in die Niederlande; am 27. August stand das Dublin Cliff in Chur auf dem Programm. Doch Johnson erzählt nicht von diesen Zahlen, um sich über die Strapazen zu beklagen. Im Gegenteil: Gerade 2026 scheint für ihn ein Jahr zu sein, in dem er erstmals deutlich spürt, wofür er all das gemacht hat. Die Zuschauerzahlen wachsen. Seine Songs erreichen mehr Menschen. Und nach rund 15 Jahren im Geschäft fühlt es sich für ihn erstmals nicht mehr so an, als stehe er permanent mit dem Rücken zur Wand.

🎧 Audio: Das Momentum verändert sich

«Ich kann ehrlich sagen, dass dieses Jahr das erste in rund 15 Jahren ist, in dem ich mich nicht mehr so sehr mit dem Rücken zur Wand fühle. Es ist grossartig zu sehen, dass das Publikum grösser wird und auch die Zahlen meiner Songs steigen. Es fühlt sich an, als würde sich das Momentum endlich in die richtige Richtung bewegen.»

Doch Johnson macht unmittelbar danach etwas Bemerkenswertes: Er schreibt diesen Erfolg nicht sich allein zu. Als unabhängiger Musiker ohne grosses Plattenlabel im Rücken arbeite er mit einem kleinen Team. Dass er heute dort stehe, wo er steht, verdanke er deshalb auch jedem Menschen, der irgendwann eine CD oder eine Vinylplatte gekauft oder vor zehn Jahren zehn Dollar in sein Trinkgeldglas gesteckt habe. «They’re the reason that I’m here today», sagt Johnson. Sie seien der Grund dafür, dass er heute hier sei. Und wenn er über die Entwicklung dieses Jahres spricht, wird hörbar, wie viel ihm das bedeutet. Er wolle den Erfolg nicht nur für sich selbst, sondern auch für all jene, die schon an ihn geglaubt hätten, bevor grössere Menschenmengen vor seinen Bühnen standen.

Der angebliche «Overnight Success» nach 20 Jahren

Vielleicht ist es genau diese Erfahrung, die Johnsons Blick auf Erfolg verändert hat. Musiker könnten 20 oder 25 Jahre lang arbeiten, sagt er, irgendwann den Durchbruch schaffen und plötzlich würden sie als «Overnight Success» bezeichnet. Er selbst denkt lieber in anderen Dimensionen. Eine Musikkarriere sei ein Marathon und kein Sprint. Johnson ist 35 und spielt nach eigenen Angaben seit seinem 16. Lebensjahr in Bars. Trotzdem wird er noch immer als «up-and-coming» bezeichnet, als aufstrebender Künstler. Johnson stört das nicht. Im Gegenteil: Er selbst empfindet es genauso. Er sei «up-and-coming to whatever’s coming next», auf dem Weg zu dem, was als Nächstes kommt. Vielleicht beschreibt kaum ein Satz Addison Johnson derzeit besser. Denn angekommen ist er noch lange nicht. Aber nach Jahren auf Highways, in Vans, kleinen Clubs und auf immer grösser werdenden Bühnen scheint er inzwischen ziemlich genau zu wissen, warum er weiterfährt.

Höre hier die Musik von Addison Johnson:

Photo Credit: addisonjohnsonmusic.com

Interview: Alex Tobisch

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Autor

Thomas Hobi

führt gerne Interviews und moderiert die Sendung Country Rocks.

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