Montag, Oktober 5 2026

Mit «Returning To Myself (Sad Gay Version)» hat Brandi Carlile ihr jüngstes Album nicht einfach um ein paar Bonustracks erweitert. Sie nimmt ihre eigenen Songs auseinander, reduziert sie auf ihren emotionalen Kern und zeigt dabei, wie sehr sich die Bedeutung eines Liedes verändern kann, wenn man ihm die grosse Produktion nimmt.

Eigentlich kennen wir diese Songs bereits. Im Oktober 2025 veröffentlichte Brandi Carlile ihr achtes Studioalbum «Returning To Myself». Produziert von Carlile gemeinsam mit Andrew Watt, Aaron Dessner und Justin Vernon, war es ein Album über das Älterwerden, Beziehungen, Familie, Zweifel und die Suche nach sich selbst. Nun kehrt Carlile noch einmal zu diesen zehn Songs zurück. Am 25. September 2026 erschien «Returning To Myself (Sad Gay Version)». Die digitale Ausgabe umfasst 21 Tracks: zunächst die zehn Titel des Originalalbums, danach zehn neu interpretierte Versionen sowie Carliles Interpretation von Billy Joels «And So It Goes». Doch wer bei «Sad Gay Version» an einen Marketing-Gag denkt, unterschätzt Brandi Carlile.

Zurück an die Bettkante

Die Erklärung für den ungewöhnlichen Titel liefert Carlile selbst. Als Teenager habe sie gezielt jene Musik gesucht, die sie emotional völlig überwältigte: R.E.M.s «Everybody Hurts», Songs der Indigo Girls, Kate Bush, Tracy Chapman oder Sinéad O’Connors «Nothing Compares 2 U». Für Carlile bilden solche Songs ein eigenes, inoffizielles Genre: «Sad Gay». Mit den neuen Versionen ihrer eigenen Lieder wollte sie genau an diesen Ort zurückkehren, sinnbildlich an die Bettkante, allein mit einem Song und den eigenen Gefühlen. Sie habe das Album dafür komplett neu aufgebaut, erklärt sie. Und genau darin liegt der Reiz dieses Projekts: Die Songs sind dieselben. Aber sie erzählen plötzlich etwas anderes.

«Human»: Vom Statement zur Selbstbefragung

Sehr deutlich hört man das bei «Human». Das Original besitzt Grösse und Vorwärtsdrang. Carliles Stimme steht selbstbewusst im Zentrum einer Produktion, die den Song immer wieder nach vorne schiebt. Für die «Sad Gay Version» hat die Sängerin mit Jon Hopkins, einem britischen Komponisten und Elektronikmusiker, zusammengearbeitet. Die beiden haben aus dem ursprünglich elektrifizierten Song eine wesentlich zartere, vom Piano geprägte Interpretation gemacht, die sich erst allmählich öffnet. Das verändert die Perspektive. Wo das Original seine Fragen beinahe in die Welt hinausträgt, scheint Carlile sie in der neuen Version eher an sich selbst zu richten. Ihre Stimme muss sich nicht mehr gegen eine grosse Produktion behaupten. Kleine Veränderungen in der Dynamik bekommen dadurch plötzlich Gewicht. «Human» zeigt exemplarisch, was dieses Album ausmacht: Reduktion bedeutet bei Brandi Carlile nicht weniger Intensität. Oft bedeutet sie mehr.

Hier kannst du den Unterschied direkt hören:

Originalversion

Sad Gay Version

«Church & State»: Aus dem Aufschrei wird Trauer

Noch deutlicher wird das bei «Church & State». Die Originalversion gehört zu den rockigeren Momenten von «Returning To Myself». Die Neuaufnahme nimmt dem Song bewusst einen Teil dieser kämpferischen Energie. Das ist keine zufällige Veränderung. Carlile selbst beschreibt die ursprüngliche Version als eine Art Aufruf für eine Welt, in der Menschen frei glauben können, was sie wollen. Die «Sad Gay Version» hingegen versteht sie als Trauer um jene Menschen, denen diese Freiheit nicht gegeben ist. Damit verändert sich der emotionale Schwerpunkt des Songs erheblich. Aus Protest wird nicht Resignation, aber Nachdenklichkeit. Die Botschaft bleibt, doch statt mit erhobener Faust begegnet uns der Song nun mit einer beinahe schmerzhaften Verletzlichkeit. Gerade der direkte Vergleich der beiden Fassungen zeigt, wie stark ein Arrangement beeinflusst, was wir in einem Text hören.

Originalversion

Sad Gay Version

«No One Knows Us»: Wenn die grosse Geste verschwindet

Auch «No One Knows Us» profitiert von dieser zweiten Betrachtung. Schon auf dem Originalalbum gehört der Song zu den emotionalen Höhepunkten. Dort wächst er aus einer gitarrengetragenen Grundlage zu einem grossen, kraftvollen Moment heran. Eine zeitgenössische Besprechung hob gerade diesen Gegensatz zwischen Trauer und der zunehmend hymnischen musikalischen Entwicklung hervor. In der neuen Version verändert sich das Kräfteverhältnis. Damit rückt weniger die grosse Geste als vielmehr die Geschichte ins Zentrum. Und plötzlich hört man stärker, was ohnehin zu Carliles grössten Fähigkeiten gehört: Sie singt einen Song nicht einfach. Sie erzählt ihn.

«Joni»: Eine Verneigung wird noch persönlicher

Besondere Aufmerksamkeit verdient auch «Joni». Schon der Titel macht deutlich, wer hier gemeint ist. Joni Mitchell ist für Carlile längst weit mehr als ein musikalisches Vorbild. Die beiden verbindet seit Jahren eine enge musikalische Beziehung, und Carlile spielte eine wichtige Rolle bei Mitchells Rückkehr auf die Bühne. Auf «Returning To Myself» trägt der Song diese Nähe bereits in sich. In der reduzierten Fassung wirkt die Verbindung noch unmittelbarer. Das passt bemerkenswert gut zum gesamten Konzept. Denn «Sad Gay Version» versucht nicht, die ursprünglichen Songs zu übertreffen. Carlile scheint vielmehr herausfinden zu wollen, was von ihnen übrig bleibt, wenn fast alles andere verschwindet. Bei «Joni» funktioniert diese Idee besonders gut.

«A Long Goodbye»: Der passende Schlusspunkt

Und dann ist da «A Long Goodbye». Schon im Original lebt der Song von Zurückhaltung. Gerade die fein geschichteten Gitarren und die ruhige Entwicklung wurden bei Erscheinen des Albums hervorgehoben. Auf der neuen Ausgabe bekommt «A Long Goodbye» etwas mehr Raum: Die «Sad Gay Version» wird mit einer Länge von 5:14 Minuten angegeben, das Original mit 4:47 Minuten. Als letzter Song der Neuinterpretationen ist er ein beinahe logischer Schlusspunkt. Nach all den Fragen über Identität, Beziehungen, Zeit, Glauben und Verlust endet dieses zweite Durchschreiten des Albums nicht mit einer grossen Antwort. Es endet mit einem Abschied.

Und dann ist da noch Billy Joel

Eine Überraschung versteckt sich zwischen den Neuinterpretationen: «And So It Goes». Billy Joel veröffentlichte den Song 1989 auf «Storm Front». Es ist eines seiner stillsten und verletzlichsten Stücke und damit beinahe wie geschaffen für Carliles selbst erfundenes Genre. Ihre Version fügt sich deshalb erstaunlich selbstverständlich in das Konzept ein. Sie wirkt weniger wie ein Bonus-Cover als wie ein Schlüssel zum Verständnis des gesamten Projekts.

Zwei Alben – dieselben Songs

Das Spannendste an «Returning To Myself (Sad Gay Version)» ist deshalb nicht die Frage, welche Version besser ist. Es sind zwei unterschiedliche Blickwinkel auf dasselbe Material. Das Originalalbum besitzt mehr Farben, mehr Dynamik und an einigen Stellen deutlich mehr Kraft. Die neuen Versionen nehmen vieles davon weg. Piano, akustische Instrumente, Streicher, zurückhaltende Arrangements und vor allem Carliles Stimme bekommen mehr Raum. Dadurch verändern sich die Songs. «Human» wird intimer. «Church & State» verwandelt Wut in Trauer. «No One Knows Us» verliert einen Teil seiner hymnischen Grösse und gewinnt Nähe. «Joni» fühlt sich noch persönlicher an. Und «A Long Goodbye» bekommt am Ende jene Zeit, die ein langer Abschied eben braucht. Das Bemerkenswerte daran: Carlile versucht nicht, ihr eigenes Album zu verbessern. Sie betrachtet es ein zweites Mal. Vielleicht ist genau das die schönste Idee hinter «Returning To Myself (Sad Gay Version)». Ein Song ist nicht abgeschlossen, nur weil er einmal aufgenommen wurde. Er kann sich verändern, weil die Musikerin sich verändert oder weil ein anderes Arrangement plötzlich etwas sichtbar macht, das vorher schon da war.

Brandi Carlile kommt in die Schweiz

Wer erleben möchte, wie diese Songs auf der Bühne klingen, bekommt im kommenden Frühjahr Gelegenheit dazu. Brandi Carlile macht mit ihrer «The Human Tour» am Mittwoch, 31. März 2027 Halt in The Hall in Dübendorf. Das Konzert dürfte damit auch die Gelegenheit bieten, Material aus «Returning To Myself» live zu erleben. Besonders spannend wird sein, für welche Seite des Albums sich Carlile auf der Bühne entscheidet: für die grossen, kraftvollen Arrangements des Originals oder für die intime Atmosphäre der neuen «Sad Gay Version». Brandi Carlile wollte mit diesem Album zurück an jene imaginäre Bettkante ihrer Jugend, an der Musik noch etwas war, das einen für ein paar Minuten vollständig aus der Welt holen konnte. Mit «Returning To Myself (Sad Gay Version)» sitzt sie dort wieder. Und diesmal dürfen wir uns dazusetzen.

Webseite: www.brandicarlile.com

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Autor

Thomas Hobi

führt gerne Interviews und moderiert die Sendung Country Rocks.

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